Die
alte Oasenstadt ist Mittelpunkt des Saharatourismus und hat dennoch ihren Charme
bewahrt.
Auf
Kara ben Nemsis Spuren, mit einer Fahrt über den Chott el-Djerid, erreicht man
von Gabès aus über die P16 im Südwesten Tunesiens eine Kette von Oasen, deren
Mittelpunkt das Städtchen Tozeur (221 km) bildet. Die trügerisch blinkende
Salzkruste des Chott, dazwischen das Grün von riesigen Palmenhainen und
Oasengärten, ebene Wüstenflächen, so weit das Auge reicht – die anfängliche
Monotonie der Landschaft erweist sich als erstaunlich vielfältig, sobald das
Auge gelernt hat, die kleinen Details zu erfassen. Einsam gelegene Marabouts
auch hier, Lehmziegelhäuser, die Regen und Alter in Ruinen verwandelt haben,
fröhlich zirpende Vögel im Geäst der Orangen- und Granatapfelbäumchen,
tiefschwarz verschleierte Frauen, unter deren sefsari ein bunter Minirock
hervorblitzt. Tozeur ist eine nahezu perfekte Symbiose von Tradition und
Moderne, von althergebrachtem Leben und den Veränderungen, die der in den 90er
Jahren massiv einsetzende Tourismus mit sich gebracht hat.
Geschichte:
Als Thusuros war Tozeur in römischer Zeit ein wichtiger Grenzposten am
südlichen Limes, der Roms Provinz vor Einfällen der >Barbaren< aus dem
Süden zu verteidigen hatte. Die Oasenbewohner nahmen das Christentum an – die
Namen mehrerer Bischöfe aus Thusuros sind überliefert – und setzten sich
zunächst gegen die muslimischen Invasoren zur Wehr. Als wichtiger Etappenpunkt
für Karawanen aus der Sahara und Schwarzafrika erlangte Tozeur im Mittelalter
einigen Wohlstand.
In
der Gegenwart ernähren die Einnahmen aus der Dattelzucht – knapp 500 000 Palmen
stehen allein in der Oase von Tozeur – und in zunehmendem Maße aus dem Tourismus
die etwa 20 000 Einwohner.
Besichtigung:
Ausgangspunkt für eine Erkundung Tozeurs wird für die meisten Besucher die etwas
außerhalb am Rand der Oasengärten gelegene Zone touristique sein. Innerhalb
kürzester Zeit ist hier in der Wüste eine wahre Hotelstadt entstanden, eine
Entwicklung, die Tozeurs Stadtväter mit Freude, aber auch mit Besorgnis
betrachten. Größtes Problem ist das Wasser: Das der artesischen Brunnen, die ein
halbe Million Palmen in der Oase bewässert haben, ist versiegt. Man hat tiefere
Schichten angebohrt und schwört, dass ausreichend Wasser vorhanden sei, um ganze Legionen von
Touristen zu versorgen. Die Skeptiker allerdings bestreiten dies, und die
abgestorbenen Palmen am Rande der Gärten, vor allem aber in der Nähe der Hotels,
scheinen ihnen recht zu geben.
Von
der Zone touristique kann man sich angenehm mit einer calèche, einer
pferdegezogenen Kutsche, in die Altstadt bringen lassen. Die Place Ibn Chabbat
ist deren Herzstück; die alte Markthalle wurde frisch renoviert und erstrahlt
nun in neuem Glanz, daneben reihen sich kleine Läden aneinander, alle mit einem
ähnlichen Angebot an Silberschmuck, Korbwaren, Teppichen und Datteln. Diese sind
Tozeurs Reichtum: Deglet en-Nour, >Finger des Lichts<, werden sie genannt.
Von hellbrauner bis goldener Farbe, gleichmäßiger Form und nahezu durchscheinend
gelten sie als die besten Datteln der Welt. Sie gedeihen nur in den Oasengärten
am Rande der Salzseen, denn die Wurzeln der Palme – so eine Bauernregel – müssen
im (salzhaltigen) Wasser baden, während die Krone von der Sonne liebkost wird.
Nur dann entstehen jene Köstlichkeiten der Natur, die die Bauern des Djerid in alle Welt exportieren.
Ibn
Chabbat, der Namenspatron des Hauptplatzes, ist sozusagen der Pate der
Oasenwirtschaft. Er hat im 13. Jh. Das Bewässerungssystem der Oase entwickelt
und die Grundregeln der Landwirtschaft in einem Traktat niedergelegt, das noch
heute Gültigkeit besitzt. Allein das von ihm entwickelte komplizierte System von
>Wasserrechten<, auf die der einzelne Bauer Anspruch hat, treibt moderne
Agronomen in Verzweiflung und verhindert, dass in Tozeur effektive
Landwirtschaft betrieben werden könnte – so sagen es zumindest die Verfechter
der modernen Technik.
Hinter
der Markthalle beginnen die engen, gewundenen Gassen des Altstadtviertels Ouled
el-Hadef. Die Häuser sind aus luftgetrockneten dünnen Lehmziegeln erbaut, die
von den Handwerkern an den Außenwänden zu auffälligen geometrischen Mustern
gelegt wurden. Dadurch entstand nicht nur ein sehr dekorativer Schmuck, sondern
auch ein Kühlsystem, da die erhabenen Ziegel der Ornamente Schatten auf die
Hausmauern werfen und sie dadruch vor direkter Sonneneinstrahlung bewahren.
Viele Gebäude sind verfallen, andere werden gerade instandgesetzt, denn Oulet
el-Hadef, heute fast verlassen, soll wiederbelebt werden. In der Rue de Kairouan
trotz ein kleines Volkskundemuseum (Musée des Arts et Traditions populaires:
Di-So 9-12, 14-17 Uhr) dem Sog der Zeit. In einer koubba, einem Heiligengrab,
sind Alltagsgegenstände und das ober erwähnte Traktat des Ibn Chabbat
ausgestellt. Relikte, wie Säulen und Statuten, aus dem römischen Thusuros
belegen, dass noch tief in der Wüste, an den Grenzposten des Limes Tripolitanis,
römische Lebensart gepflegt wurde. Der Besucher lässt sich, sofern ihn die
vielen um Kugelschreiber oder Geld bettelnden Kinder nicht stören, am besten
durch die Altstadt treiben. Der Bezirk ist klein, und unweigerlich gerät man
immer wieder an die Lehmmauer, die die Oasengärten im Süden und Osten zur Stadt
hin abschließt, oder auf die Hauptstraße zurück.
Die
Avenue Abu el-Kacem ech-Chebbi führt vom Stadtzentrum an den Oasengärten entlang
stadtauswärts. Der Träger dieses fast unaussprechbaren Namens war einer der
berühmtesten Dichter Tunesiens: Ech-Chebbi, 1909 in Tozeur geboren, 1934 dort
gestorben. Seine Heimatstadt hat ihm ein prächtiges Mausoleum errichtet, in dem
Schriften und Photos des Lyrikers ausgestellt sind. Sein berühmtestes Werk sind
die romantischen, aber auch expressionistischen >Chansons de la Vie<, ein
Gedichtzyklus, der sich vor allem mit der traditionellen Gesellschaft und den
Unabhängigkeitsbestrebungen der jungen Tunesier auseinandersetzt.
Vom
Halteplatz der Droschken in der Nähe des Hotel Continental kann man eine schöne
Tour durch die Oasengärten unternehmen. Die Kutscher fahren ein Stück in die
Gärten hinein, dann nach Bled el-Hader, den ältesten Stadtteil Tozeurs, und zum
Schluß an den Salzsee. In Bled el-Hader stand das römische Kastell Thusuros. Ein
einsamer Minarett ist der Rest einer der ältesten Moscheen des Ortes (11. Jh.),
die auf römischen Fundamenten errichtet wurde. Ibn Chabbat ruht etwas weiter auf
dem islamischen Friedhof in einer koubba unter den schweren Ästen einer uralten
Brustbeerbaumes. Oft endet die Rundfahrt an den Pforten des kleinen Zoos Jardin
du Paradis. Zu den Attraktionen gehört eine Vorführung von Schlangen und anderem
Kriechgetier, das bevorzugt jungen Mädchen um den Hals gelegt wird. Ein
altersschwacher Löwe, Dromedare, Wüstenfüchse und Gazellen vervollständigen
diesen >Überblick< über die Fauna der Wüste. Krönender Abschluß einer
solchen Fahrt ist das Mittagessen im sympathischen Restaurant >Le Petit
Prince<.
Dort,
wo die Hauptstraße in einem Bogen zur Hotelzone führt, geht es geradeaus am
Hotel Dar Cheraït vorbei zum Belvedere, einem herrlichen Aussichtspunkt über der
Oase. Ein Granitbrocken, glatt abgeschliffen von den Kräften der Erosion, muß
erklettert werden. Hoch steht man dann über dem grünen Meer der Palmen, sieht
linker Hand die Lichter und Minarette von Tozeur und als silbrige Umrandung die
Ausläufer des Chott. Besonders eindrucksvoll wirkt die Szenerie, wenn die Sonne
in der Wüste versinkt.
Wenige
Schritte entfernt liegt der Vergnügungspark >Milles et une nuit<, der zum
Hotel- und Museumskomplex Dar Chera (tgl. 8-24 Uhr) gehört. Tunesische
Geschichte und Geschichten, aufbereitet à la Disneyland, erwarten den Besucher.
Im direkt angrenzenden, hervorragend ausgestatteten Museum bekommt man einen
seriöseren Überblick über Leben und Kunstschaffen der Tunesier. Das Museum
entstand Anfang der 90er Jahre aus der Privatsammlung von Abderrazak Cheraït,
einem der einflussreichsten Männer Tozeurs. Der Unternehmer und Bürgermeister
des Ortes ist mit einer Deutschen verheiratet, die seine Leidenschaft für die
Traditionen seiner Heimat teilt. Geschickt lenkt Cheraït Tozeur auf dem schmalen
Grat zwischen Gestern und Morgen.
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