Reisebericht Pink-Boogie in Tunesien/Tozeur 2001

Es begann mit der Abreise am 2.Februar.2001: Nachdem Karsten und ich uns am Abend vorher bereits mit einigen Skydiving-Videos mental auf das Boogie vorbereitet hatten, klappte der Transfer mit dem Taxi zum Hamburger Flughafen problemlos. Die Tickets waren am Schalter der Tunisair für uns hinterlegt. Um 12:30 Uhr startete die 737 mit ein paar Minuten Verspätung. Beim Einsteigen hatten wir bereits drei andere Mitreisende als Skydiver enttarnt und es kamen schnell Gespräche in gang. Man meckerte über die lästigen Flugfreigaben in Meissendorf, über das schleppende Manifest etc.
Nach zweieinhalb Stunden landeten wir in Tunis bei heiterem Wetter und 12° Aussentemperatur. Nach der Entgegennahme des Gepäcks und dem Aufspüren des Tuninter-Schalters wurde es etwas langweilig, da wir gute drei Stunden Aufenthalt hatten. Nach und nach füllte sich die Abflughalle mit Fallschirmspringern und deren Angehörigen. Es waren österreichische und süddeutsche Dialekte zu vernehmen, während wir fünf Norddeutschen uns etwas verloren vorkamen.
Die ATR42 der Tuninter startete pünklich in Richtung Tozeur, das wir nach 75 Minuten, jetzt bereits in der Dunkelheit, erreichten. Auf dem Landefeld erspähten wir sofort die Pink, die vor zwei Boeing 747 der Iraqi Air geparkt war. Ein witziger Anblick! In der Ankunftshalle begrüsste uns Thomas Lewetz persönlich und der Transfer in das fünf Kilometer entfernte Hotel "Ras El Ain" war schnell gemacht. Das Hotel ist einfach eingerichtet, aber sauber und zum Glück mit einer Bar ausgestattet, was die Stimmung nach der Anreise sofort nach oben korrigierte!
Am folgenden Samstag begann dann der reguläre Sprungbetrieb: Nach dem Aufstehen und dem etwas kargen Frühstücksbüffet (Käse oder Wurst war meistens aus) packten wir unser Gear zusammen und liessen uns von einer Muli-Kutsche zum Flughafen bringen, was sich spätestens nach dem vierten Überholen durch ein Zubringer-Taxi als Fehler herausstellte. Nachdem wir als letzte endlich am Flughafen angekommen waren, hatte ich meinen ersten "Springerunfall", als ich mich beim Aussteigen aus der Kutsche mit dem Gearbag auf dem Rücken lang hinlegte. Am Schlagbaum des Flughafens mussten wir unsere Pässe abgeben, um auf das Gelände zu gelangen. Dies war jedoch die einzige Formalität, die jeden Tag aufs neue absolviert werden musste. Der Packplatz am Flughafen besteht aus lockerem Sand und wir legten zuerst einmal unsere neue Max Bahr Allzweckplane aus.
Hier war bereits Hochbetrieb und die ersten waren schon für Load Nr. 1 manifestiert. Auch uns packte das Fieber und wir zogen unsere Pink-Karten durch den Magnetstreifenleser, diesmal allerdings für Load Nr. 2. Zu diesem Zeitpunkt war es allerdings noch recht kühl und wir zogen uns dick an. Endlich kam der zehn Minuten Aufruf für uns. Im Laufschritt bewegen wir uns zur Maschine, die mit zehn Leuten recht leer war. Das sollte allerdings nicht so bleiben! Grün, erster Sprung in 2001, Exitorder improvisiert (wir wollten sowieso "nur" Freefly machen) und raus – was für ein Anblick!! Unter uns die Wüste, die Landebahn und der restliche Teil des Flughafens. Alles ist irgendwie hellbraun eingefärbt. Wir glühen auf dem Schädel, eiern rum und sind einfach überwältigt von der Natur - im Süden die Oase von Tozeur mit einem regelrechten Palmenmeer. Da war doch noch was - ach ja, Pull. Landung auf einem gewalzten Fussballfeld direkt gegenüber vom Packplatz. Rundherum ist Wüstengelände, so dass man auch mal ein Stück weiter weg landen könnte. Allerdings gibt es da viel trockenes Gestrüpp in Bodennähe... Nach fünf Sprüngen ist der Tag schon zu Ende, wir wollen uns keinen Stress machen und haben genug Zeit zwischen den Sprüngen, um mit anderen Leuten zu reden.
Der Transfer zurück ins Hotel klappt deutlich besser als mit der Kutsche. Dann ist erstmal duschen angesagt, da sich die Haare wie eine alte Perücke anfühlen. Das Abendbuffet wird erst um 19:30 Uhr eröffnet. Die Zeit bis dahin überbrücken wir in der Hotelbar mit dem tunesischen "Celtia"-Bier. Es ist das einzige Bier, was es hier gibt. Zum Glück schmeckt es sogar und als das Buffet eröffnet wird, haben wir schon Schwierigkeiten, die Speisen zu identifizieren...
Am Sonntag morgen ist es deutlich wärmer und dieser Trend setzt sich im Wochenverlauf noch weiter fort, was sich positiv auf die Kleiderordnung besonders der weiblichen Boogie-Teilnehmerinnen auswirkt. Mit dem exzellenten Wetter und der guten Stimmung am Packplatz, am Manifest und natürlich in der Maschine vergeht die Zeit wie im Fluge.
An diesem Tag mache ich meinen ersten Coaching-Jump mit Rook Nelson, der mir ein bisschen das professionelle Schädelfliegen näher bringt. Echt gut dieser Service, ich frage ihn, was er dafür bekommt, aber er meint nur: "it is all included". Wirklich nett, der Typ. Kaum zu glauben, das er seinen ersten Sprung im zarten Alter von vier! Jahren absolviert haben soll.

Abends machen wir uns zu Fuß auf, um in Tozeur etwas einzukaufen. Überall werden wir auf Französisch oder Deutsch angequatscht, ob wir etwas kaufen oder eine Kutschfahrt machen wollen. Nein, wir wollen nicht und schon gar nicht so einen hässlichen Teppich. Der eine Taxifahrer lässt nicht locker, er trägt einen gestrickten Pullover mit dem Bundesadler drauf - die sind hier echt auf Touristen eingestellt! Nach einiger Zeit klappt es mit dem Einkauf von Soft-Drinks. Bier ist allerdings Fehlanzeige. Hätten wir uns in einem islamischen Land ja auch irgendwie denken können. Zum Glück kostet das Bier im Hotel nur zwei Dinar und einhundert Cent. Nach unserer Rückkehr testen wir zum wiederholten Male seine Qualität.
Während
des Abendbuffets hält Thomas eine kurze Rede und erklärt uns, was alles für
Aktionen möglich sind, z.B. kann man sich bei der Sunset-Load direkt über dem
Hotel droppen lassen und dort landen. Auch sollen Ballonsprünge möglich sein.
Für den nächsten Tag ist geplant, eine Load zu dem nur sechzig Kilometer
entfernen Drehort von Star Wars Episode 1 zu schicken. Man kann dort die noch
vorhandenen Kulissen besichtigen. Gepackt werden muss allerdings direkt im Sand.

Am nächsten Tag ist auch Klaus Schenk da und ich kann endlich den Nitro probespringen. Zuerst ist allerdings Karsten dran. Er springt den 135er einen ganzen Tag lang und kommt gut damit zurecht. Am nächsten Tag steigt er auf den 120er um und ich kann den 135er springen. Ein geiles Teil! Die Öffnungen sind butterweich und der Flare deutlich besser als bei meinem Sabre. Ich beschliesse, noch ein paar Sprünge mit dem 120er zu machen, bin aber erst morgen damit dran.
In der Zwischenzeit hat sich auch die Fallschirmsportgruppe des tunesischen Militärs zu uns gesellt. Am interessantesten ist deren Ausrüstung: Das Gurtzeug sieht aus wie eine auf dem Rücken getragene Reisetasche, als Hauptkappe kommt ein sportlicher 260er Parafoil zum Einsatz. Etwa in jeder dritten Load sind die Jungs dabei und so kommt man ins Gespräch. Am nächsten Tag wollen sie mal den 135er Nitro springen!! An diesem Tag bin ich in der ersten Load und habe prompt eine Aussenlandung, weil die drei Formationen vor mir so lange rumgetrödelt haben. Sind sowieso beim Exit zerbröselt, denke ich mir. Aber es hilft nichts, ich mache mich auf. Zum Glück bin ich nahe einer Strasse gelandet. Nach ca. einem Kilometer komme ich an eine Polizeikontrolle, die hier ziemlich häufig sind. Die Polizisten sind nett und verwickeln mich in ein Gespräch. Ich verstehe nur Bahnhof, weil mein Schulfranzösisch nichts hergibt. Nach zwei Minuten dämmert mir, das sie ein Auto anhalten wollen, das mich zum Flugplatz zurück bringt. In dem Augenblick kommt auch schon ein Wagen mit einigen Springern vorbei, der mich mitnimmt. Ich bin offensichtlich nicht der einzige, der aussen gelandet ist.
Zurück am Packplatz hänge ich den 120er ein. Der 135er wird in das Gurtzeug der Tunesier eingebaut, aber die Passform lässt zu wünschen übrig, obwohl das Loop nur noch ein Viertel seiner ursprünglichen Länge aufweist. Während ich den Tunesiern das Pro-Pack zeige, erklärt Klaus, worauf es beim Flaren ankommt. Die Abdeckklappe des Hauptcontainers springt immer wieder auf, egal, hoch jetzt. Als der Tunesier landet, steht eine Traube von Skydivern wie gebannt da und verfolgt seine Landung. Er flart wie beim Parafoil und kommt mit wenig Vorwärtsfahrt runter - allerdings noch genug, um langsam nach vorne zu fallen. Ein schadenfrohes Gelächter geht durch die Menge. Zum Glück ist alles in Ordnung. Abends gibt es Freibier und so startet der Sprungbetrieb am nächsten morgen sehr verhalten.
Die meisten tragen Sonnenbrillen und möchten eher nicht angesprochen werden. Das bessert sich nach dem ersten Sprung. Das Wetter ist einfach genial hier, ständig blauer Himmel und keine Wolken. Temperatur in der Sonne um 22°, sehr trockene Luft. Dadurch sind die Schirme schlecht zu packen und man kann beobachten, wie einer nach dem anderen sein Loop verlängert. Um die Mittagszeit sickert das Gerücht durch, dass Thomas versucht, einen Sprung aus einer der zwei 747 zu organisieren. Da die Türen nicht im Flug geöffnet werden können, müsste eine vorher ausgebaut werden... Schaun wir mal.
Ich habe wieder mal einen gecoachten Jump mit Rook und muss danach wieder meine eigene Kappe einhängen, jemand anderes ist an dem 120er interessiert. Am letzten Tag verliere ich am Boden meine Sprungbrille mit samt Skytronic Pro. Ich ärgere mich und beschliesse, den Ballonsprung nicht mitzumachen, da ich das Teil suchen will. Während Karsten bei 1000m aussteigt und für das ganze nur 50 Dinar hingelegt hat, finde ich nach einer guten Stunde meine Brille wieder. OK, das hat sich also doch gelohnt !
Am letzten Abend kommt in der Hotelbar ein wenig Wehmut auf, unsere Zeit hier ist um. Andere haben noch eine Woche vor sich, der Neid ist auf meiner Seite. Der Rückflug am Freitag ist unproblematisch und um 13:00 Uhr sind wir schon wieder in Hamburg. Alles in allem war das ein supergenialer Urlaub, an den ich sicher noch zurückdenken werde. Besonders beeindruckend war die perfekte Organisation und die gute Stimmung.
Und sollte es im nächsten Jahr wieder ein Boogie in Tozeur geben, werde ich mit Sicherheit dabei sein!
Jan
Schwarz 
Springen aus der Pink Skyvan * Tandemspringen und Fallschirmausbildung * Ballonfahren * Skystunts.com * e-mail an office@pink.at