RW-Kurs in Klatovy
Eine ganz persönliche und vollkommen subjektive Betrachtung von Erich Riess.
Über den Sprungbetrieb in Klatovy hatte ich schon viel gelesen (z.B.in der Pink-News), aber mehr davon weiß ich erst seit einem Jahr, nachdem ich mich mit meinen kaum 250 Sprüngen ohne RW-Erfahrung in einem Anfall von Geistesverwirrung ausgerechnet zu einem Relativkurs gemeldet habe.
Mein erster Eindruck war: Hier paßt einfach alles. Das Flugzeug, der Platz, das Team, das Wetter, die Infrastruktur mit Campingplatz, Zimmer, Container oder Wohnwagen, Fallschirmshop mit Leihgears, Rigger, Packer, Flughafenrestaurant, Frühstücksbüffet, Sauna, Swimmingpool, die Preise, ...
Aber alles schön der Reihe nach: Daß ich mich bei der Anreise um 30 km verfranzt habe liegt an meiner Sparsamkeit: Ich hatte noch eine tschechische Straßenkarte aus der Pro-Dubcek-Ära in Verwendung. Klatovy ist zu finden, der Platz beschildert, der Sprungbetrieb nicht zu übersehen.
In der Anmeldebestätigung lese ich "gefrühstückt um 9 Uhr beim Manifest erscheinen" aber um 9.00 Uhr ist das Manifest geschlossen und alle sind beim Frühstück (nur ich nicht). Dort findet die Begrüßung durch den Chef himself (Thomas Lewetz) und die Vorstellung der Instruktoren statt. Was wir Kursteilnehmer uns vorstellen, dürfen wir vorerst noch für uns behalten.
Durch den Ausfall einiger angemeldeter Teilnehmer sind wir nur zwölf und somit in der glücklichen Lage mit sechs Trainern und vier Videomännern (plus einer Videofrau) in den Kampf (= Kurs) zu ziehen. Wodurch sich eine sehr individuelle und vor allem intensive Schulung in Kleingruppen ergibt.
Ich als Anfänger lerne erst einmal die Vielfalt der englischen Sprache (in der tschechischen Republik wohl unerläßlich), wie z.B.Load, Instructor, Diver, Floater, Bar, Beer, Pizza. Besonders letzere erweisen sich bereits in der ersten Essenspause als äußerst hilfreich.
Ein Manifest mit ausdauernd freundlichem und auskunftswilligem Personal, eine Maschine, die beim hinsehen schon Freunde macht (auf ein lachendes Gesicht muß man einfach zurücklachen), Piloten die Freude am Fliegen haben und das liften einer Handvoll sprunggeiler Verrückter nicht als lästige Pflicht finden, Trainer, die wissen wovon sie reden. K(l)eine Wartezeiten, gemütlich, aber doch intensiv.
Und dann gehts gleich voll los: Briefing, Sprung, debriefing, Videoauswertung, Lob, Anweisung fürs Bessermachen, packen, briefing,... Gruppeneinteilung nach Level, wechselnde Instruktoren. Und eines muß besonders herausgestrichen werden: Die schlechtesten Springer bekamen immer die besten Trainer (Ich weiß wovon ich schreibe!). Und das ist das Fazit nach den ersten Tagen: Freude, Erfolgserlebnis, Freunde, zufriedene Müdigkeit, leichter Muskelkater.
Für alles war gesorgt. Der Pilot wußte wo er uns absetzen sollte, und für die paar, die den Platz trotzdem nicht fanden (warum nur war ich immer dabei?) gabs immer einen prompten Abholdienst ohne Belehrung, Vorwurf oder hämischem Grinsen.
Der Wettergott meinte es gut mit uns und ließ jeden Tag die Sonne scheinen wir hatten kaum Gelegenheit für Theorie, ein Tag war schöner wie der andere (die Nächte auch, habe ich mir sagen lassen, denn ich hab ja geschlafen). Strahlender Sonnenschein, leichter, beständiger Bodenwind, Sprungwetter wie aus dem Bilderbuch vom Tagesanbruch bis zum Sunset. Und im theoretischen Teil des Kurses erfuhren wir all das, was wir praktisch eigentlich schon längst hätten wissen sollen. Aber zum Lernen ist es ja bekanntlich nie zu spät.
In der Maschine finden sich auch immer Freeflyer, Freestyler, Skysurfer, ausgebildete und in Ausbildung stehende Kameramänner und Tandemmaster. Du kannst Stylisten oder Formationen bewundern und das Landeverhalten von neuen schnellen Schirmen. Und von jedem erfahrenen Springer kannst du dir was abgucken wenn du willst.
Besonders hilfreich ist der Lautsprecher am Platz: Hier bekommt man akustisch alles was gerade notwendig ist z.B.den Aufruf zur nächsten Load, Personenrufe und Hinweise wie "Alle Nichtraucher werden aufgefordert die herumliegenden Zigarettenkippen und alle Nichtspringer die weggeworfenen Gummiringerl aufzuheben" ich dachte mit und erkannte als Antialkoholiker die Aufforderung alle herumliegenden Pfandflaschen einzusammeln.
Mein Kursziel habe ich erreicht. Die Trainer gaben mir das Gefühl nicht länger nur Hindernis im Luftraum zu sein. Ihre Ruhe, Gelassenheit und Erfahrung, die Arbeit in Kleingruppen mit etwa gleichwertigen Springern und das Debriefing mit Videoauswertung waren für alle optimal: Die Erfahrenen machten Fortschritte, die Anfänger Riesenschritte.
Und was ich beim Kurs nicht erfahren haben, gabs dann abends in der Kantine oder am Lagerfeuer: Neben vielen Witzen hörte ich Skygod-Sagen und so wichtige Informationen wie: wo das Bordell in Klatovy ist, welchen Preis man dort bezahlt und wieso es nicht lohnt dorthin zu gehen. Nur eines fiel mir auf: Obwohl ich fast eine Woche in der Tschechei war, habe ich kaum ein Wort tschechisch gehört. Lag es am deutsch sprechenden Wirt, am österreichischen Manifest oder an den vielen Germanen (die meisten übrigens südlich des Weißwurstäquators) oder an meiner Kommunikationsfaulheit ? Ich weiß es noch immer nicht. Aber schön wars.
Das Fazit: Ich kenne keine andere Stelle, an der man sich springerisch so intensiv, sicher und streßfrei in freundschaftlicher Atmosphäre weiterbilden kann und auch künftig noch Spaß an der Sache hat. Dieses Jahr fahre ich wieder hin. Ich habe mich schon angemeldet. Und Du?
Leserbrief Erich Riess, 4060 Linz, Gaumbergstraße 82