Luci - Freestyle Weltmeisterin in der Achterbahn des Lebens
1997, das Jahr in dem ich Weltmeisterin wurde war schon ein schweres Jahr. Ich
verlor meinen großen Bruder, konnte diese Krise aber mit der Hilfe mich unterstützender
Leute bewältigen. Das Training für die WM nahm viel Zeit und Energie in Anspruch und
auch hier waren viele Leute mitbeteiligt, daß dann der letztendlich eher unerwartete
Erfolg möglich wurde. Die Motivation noch zwei Wettkampfsaisons zu trainieren und zu
springen war dann auch entsprechend groß.
Obwohl dann im Dezember auch noch mein hochbetagter Vater starb, war ich bereits über
Neujahr mit Filmaufnahmen in Eloy beschäftigt, wo ich mit Scott Smith im Teamwork vor der
Kamera flog.
Andy und ich konnten mit den Firmen Sun Path, PD, Timeout und Sky Skins in Sachen
Ausrüstung zusammenarbeiten und machten uns im Frühjahr 1998 voller Elan ans Werk. Ich
hatte über Ostern in den USA die technischen Grundlagen gelegt, und nun sollte es in der
Schweiz mit dem Training aus der Militärporter an die Ausarbeitung des Teamworks gehen,
das in unserem Team noch bei weitem ausbaufähig wäre.
Dann schlug das Schicksal erneut zu, noch während dieses Trainings starb mein kleiner
Bruder. Völlig geschockt von den Ereignissen war ich aber doch in der Lage, die Pläne
für die Wettkampfsaison '98 aufzugeben. Ich versuchte aus der Pink Skyvan zu trainieren,
sprang am Pink Open & Österreichische Staatsmeisterschaft mit, das ich mit einer eher
mäßigen (mein Ersatzkameramann Wuzi mit einer hervorragenden) Leistung gewinnen konnte.
Dann in Klatovy, im Juli übernahm der Körper das Regiment, stechende Schmerzen mit
Ausstrahlung in den linken Arm verunmöglichten ein weiteres Training. Noch nicht einmal
in der Lage nach Hause zu fahren, coachte ich die Nachwuchstalente im Freestyle Uschi
Wagner und ihr Kameramann Christian "Wuzi" Wagner, die dann im Weltcup den
bravourösen 5. Platz belegten, solche Schützlinge wünscht sich natürlich jeder
Trainer. Auch Richy holte sich den einen oder anderen Tip in Sachen Flugverhalten und
Haltung bei mir ab, er mußte sich dann am Weltcup allerdings von einer sehr starken
Konkurrenz geschlagen geben.
Endlich, irgendwie zu Hause angekommen, Schmerzmittel zeigten schon lange keine Wirkung
mehr, fand man nach längerem untersuchen, zuerst mit ungenügenden CT-Bildern, dann mit
solchen besserer Qualität heraus - Bandscheibenvorfall (Diskushernie) im
Halswirbelsäulenbereich! Himmel, was nun?, ich war ja noch längst nicht willens meine
(unsere), Andy war ja mitbetroffen, Pläne aufzugeben. Nun telefonierte ich wie wild in
der Gegend herum. Der Schweizer Disziplinenchef Oliver Furrer sicherte mir zu, daß ich
auch nach Portugla kommen könnte, wenn ich nicht in der Lage wäre, die
Schweizermeisterschaften zu springen. Das war noch ein Hoffnungsschimmer am Horizont, doch
die Realität sah anders aus. Woche um Woche verging mit Physiotherapie und
Schmerztherapie - sprich schwerer Chemieeinsatz, und alle mir wichtigen Termine
fallschirmspringerischer Natur zogen ohne mein Mitwirken vorbei. Ende September war ich
soweit, daß ich mich operieren lassen wollte, obwohl alle Fachkräfte von dieser
Risikooperation abrieten, aber ich hatte permanent Schmerzen, konnte in meinem Beruf als
Sportlehrerin nicht arbeiten, konnte meinen Hobbys -Springen - nicht nachgehen, einfach
lahmgelegt ging mir die Geduld aus. Dann, nach nochmals vier Wochen mühsamen
Aufbautrainings der Halswirbelsäule stabilisierenden Muskulatur war endlich eine
Besserung spürbar. Jetzt fing ich wieder an zu Laufen und zu stechen, konnte wieder erste
Sportstunden unterrichten, da stolperte ich zusammen mit Silvia Wagner von der Pink über
ein schon fast vergessenes Projekt.
In diesem unsäglichen Sommer hatte mich Norman Kent um die Mitwirkung in seinem neuen
Film (der jetzt im Frühjahr 1999) herauskommen soll, gebeten. Natürlich hatte ich auch
diese Anfrage ablehnen müssen, was mir extrem leid tat, denn ich hätte es als einmalige
Gelegenheit empfunden, bei diesem Filmproduktion einen kleinen Teil beizutragen.
Warum fliegst Du nicht im Dezember nach Florida und unternimmst einen Versuch, ob Du
wieder springen kannst? Gesagt getan, e-mail an Norman Kent war sofort unterwegs, eine
begeisterte Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Nun flogen die Faxe und e-mails nur
so hin und her. Da ging es um Ankunftszeiten, um Unterbringung, um Sprungplätze, um
Ausrüstung und vieles mehr. Ich sollte ein Vector springen, die Leute von Jevelin mußten
aber einverstanden sein. Man einigte sich mit dem Versprechen Normans, wer würde extr
Fotos mit dem Jevelin nach den Filmarbeiten schießen. Dieses und viele kleine andere
Probleme fanden ihre Lösung und so war ich schneller in Florida als ich mir dies
erträumt hätte.
"Es wurde sich gut um mich gekümmert." Mike Michigan holte mich vom Flughafen
ab und brachte mich nach Skydive Sebastian. Dort trafen am selben Tag Norman und Nicole
mit einem riesigen Trailer ein, der für die nächsten Tage mein Zuhause sein sollte.
Norman weihte mich in die Feinheiten seines Projekts ein. Wir besprachen unser Vorgehen
und der Rigger brachte die Ausrüstung entsprechend auf Vordermann.
So, jetzt war ich für die nächsten drei Tage auf mich allein gestellt und sollte meine
Performance auf Weltklasseniveau bringen - in drei Tagen, nach einer Sprungpause von einem
halben Jahr und der Angst im Nacken, daß die Bandscheibe wieder nachgeben könnte - ein
mulmiges Gefühl stellte sich ein. Der erste Sprung war auch entsprechend mit Vorbehalten
belegt, ich wurde aber von Sprung zu Sprung sicherer. Leider ließ das Wetter nur 15
Trainingssprünge zu, dann war Norman wieder da, mit Nicole und Mike als Assistenten.
Kameras in ungeahnten Qualitäten und Größen wurden jetzt zusammengeschraubt und auf
Normans Helm plaziert. Wir sichteten inzwischen die Trainingssprünge und entschieden,
welche Moves vor die Kamera kommen sollten. Norman war von meinen Zeug begeistert, ich
fand es nicht so toll, ich kannte ja schon alles und hätte bestimmt alles noch besser
machen können, aber so hat man eben immer an sich selbst einen etwas anderen Maßstab als
die anderen.
Wir beschlossen, daß ich mit einem Stirnband springen sollte, um die Haare zu bändigen.
Es war jedesmal eine mittlere Show, bis alles richtig saß. Wir probierten diverseste
Brillen bis Norman mit dem Schnitt der einen zufrieden war; hell mußte sie sein, damit
die Augen zu sehen waren.
Sieben bis acht Sprünge absolvierten wir pro Tag, dies drei Tage lang, dann war der
Maestro zufrieden und das Wetter wurde Schlecht. Wir freuten uns diebisch über das gute
Timing. Mit Norman zu arbeiten war für mich sehr entspannend, er wurde nie ungeduldig, er
fand - wenn überhaupt - nur an sich selbst etwas auszusetzen, meine Sprünge fand er
wundervoll. Wir harmonierten sowohl am Boden wie auch in der Luft bestens zusammen, und
ich denke, daß wir in den paar Sprüngen, die wir zusammen absolvierten, eine Menge
Material "in den Kasten" brachten. Besonders zusammengeschweißt haben uns
unsere schon zum Gespött gewordenen Fußmärsche nach jedem Sprung. Norman wollte
unbedingt als letzter aussteigen, damit uns keiner in die Quere käme, hatte aber nicht
den Nerv, den Flieger immer auf eine Extrarunde zu schicken, so landeten wir überall, nur
nicht auf der Dropzone. Unser favorisierter Landeplatz war der angrenzende Golfplatz mit
seinen gepflegten Greens, dort hatten wir bald einen alten Golfer zum Freund, der uns
jeweils mit seinem Golfkart zum Zaun des Flugplatzes brachte, wo uns dann eventuell der
Springerbus abholte- oder auch nicht.
Was sich hier eher als witzig anhört, war nicht immer so. Einmal peilte Norman eine
wirklich winzige Grünfläche inmitten der Stadt an, die war mir definitiv zu klein, und
ich konnte mich nochmals knapp den Golfplatz retten, während Norman in den Hintergarten
der Polizeistation hineinbrach, zwischen Funkantennen und quer verlaufenden Leitungen. Er
wurde vom Streifenwagen zurückgefahren, ich von einem älteren Herrn, den schier der
Schlag traf, als wir von einem Polizeiauto gestoppt wurden. Er hat nicht etwa die
Geschwindigkeit übertreten, nein, der Polizeiofficer wollte nur nachfragen, ob er mich
wohlbehalten aufgegabelt hätte, denn Norman saß genau neben diesem Streifenwagen und
entdeckte ganz per Zufall meinen Schirm mit mir darunter in jenem Privatwagen.
Wenn wir mit unseren Filmaufnahmen nur halb so viel Aufmerksamkeit erregen werden, wie wir
dies mit unseren Außenlandungen taten, so soll es uns recht sein.
Es folgten noch ein paar Urlaubstage, eine Motorradtour auf Normans Rennmaschine zu dem
kleinen Städtchen mit der tollsten Weihnachtsbeleuchtung Amerikas, ein Dinner in seinem
schönen Haus an der Küste, ein Besuch in der Werkstatt von Michigan Suits, Tage, die ich
als Gast bei Mike Michigan und seiner Frau Meg verbringen durfte - danke.
Ich bedanke mich bei allen, die dieses Projekt möglich gemacht haben. Es war eine tolle
Erfahrung, mit Norman Kent und seinen guten Seelen im Hintergrund (Nicole, Mike und Mike)
zu arbeiten. Für mich war es persönlich sehr wichtig, um mit einem Erfolgserlebnis
wieder in meinen Sport einsteigen zu können.
Mein Rücken hatte durchgehalten und läßt mich hoffen für die Saison 1999. Der Start
war gut, die Trainingsplanung mit Andy steht fest und es geht an Ostern wieder los mit dem
festen Ziel Oktober, WM, Australien!
Luci Manni-Hunold
Springen aus der Pink Skyvan * Tandemspringen und Fallschirmausbildung * Ballonfahren * Skystunts.com * e-mail an office@pink.at
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