Ein
wunderbarer Sprung!
von Henk Heida
Die letzte Load
am Mittwoch, dem vierten Sprungtag in Tozeur, sollte nach Star
Wars gehen, ungefähr 50 km südlich von Tozeur, am Nordrand der Sahara.
Abweichend vom üblichen Exitkommando,
ready – set – go, hatten wir diesmal abgesprochen als
Sechsmannformation bei Grünlicht, ohne irgendein Kommando, aus der Skyvan
abzuspringen, die übrigen 17 Springer hoffentlich in höchster Verwirrung
hinter uns zurücklassend.
Für mich war es, nach drei, ganz vorzüglich vergangenen Sprungtagen unter der
lehrreichen und angenehmen Führung des besonders sympathischen und humorvollen
Load Organizers Skip Kniley
aus New England-USA, schon wieder der vorletzte Sprungtag und es würde
insgesamt mein dreißigster Sprung in vier Tagen sein, wahrlich eine anständige
Leistung für einen, wie mich, der pausieren beim Springen gar nicht mag, denn: „Pause
mache ich immer nur zu Hause!“ Es kam noch hinzu, das wir schon den ersten
Sprungtag, von den beabsichtigten sechs wegen eines starken Sandsturms verpasst
hatten.
Irgendwie versprach dieser letzte Sunsetload
- Sechsmann oberhalb Star Wars
in der Wüste ein ganz besonderes Erlebnis zu werden. Das war sicher!
Aber dann! Bei rotem Licht, in 14.000 Fuss (4.200 Meter) angekommen, öffnete
ich, wie vorher vereinbart, die Tür, ging darauf mit meinen fünf Teamgenossen
ein paar Schritte zurück, spannte meine Muskeln und konzentrierte mich völlig
auf das bald kommende Grünlicht!
Und dann passierte alles falsch! Es dauerte und es dauerte bevor das, dem grünen
Licht vorangehende, gelbe Licht anging und es dauerte sogar solange dass ich,
als es endlich anging, in voller Konzentration die drei Schritte, die ich
zurücklegen musste um von der Heckrampe zu springen, blitzschnell machte und
aus der Maschine hinaus tauchte, meine Formationsgenossen in absoluter Bestürzung
und sofortiger Belustigung hinter mir zurücklassend: „Was
macht der Henk jetzt, er ist ganz verrückt, er springt schon beim
gelbem Licht!“
Unmittelbar nach dem Exit erkannte auch ich meinen unsinnigen Fehler, drehte
mich schnell herum und sah zu meiner Verzweiflung, dass mir natürlich keiner
meiner Genossen gefolgt war und dass die Maschine ruhig weiter flog und mich
mutterseelenallein in Freifall über der unendlichen Sahara hinterließ. Was
nun?
Ich sah die grausig leere Wüste unter mir und entdeckte nirgendwo auch nur
einen Schimmer von Star Wars;
ich glaubte mich einen Augenblick für immer verloren (so jung und so viel
versprechend!) und sah sofort ein dass eine Landung in die Wüste in einer
stundenlange Suche nach mir, und wahrscheinlich in noch Schlimmerem enden würde.
„Nur nicht“, war dann meine erste Gedanke.
Blitzschnell, mittlerweile schon auf ungefähr 12.000 Fuß Höhe, traf ich auf
einmal die einzig richtige Entscheidung, nämlich der Maschine, die natürlich
Richtung Jumprun fliegen
musste, im Track zu folgen und
während ich das tat, sah ich plötzlich in der Tiefe die Spuren eines Sandwegs
die in dieselbe Richtung wie die Skyvan
zeigten: zweifelsohne, dies konnte nicht falsch sein, auch ich flog jetzt in
Richtung Star Wars!
Ich nahm die leistungsfähigste Trackingposition ein, die ich machen konnte
(Brust ganz hohl, Armen und Beine ganz gestreckt) und sah die Wüste unter mir
durchschiessen: das ging wunderbar!
Nach knapp einer Minute aber konnte ich Star Wars immer noch nicht finden und
die Pink war schon längst
davon geflogen! Unmittelbar danach schaute ich nach links hinten herum und sah
zu meinem Erstaunen eine große Anzahl Kappen in der Luft: „wie ist das in
Gottes Namen möglich“, war
meine erste Gedanke, aber dann erkannte ich: „ich muss da sein!“ und
jawohl, links unter mir lag Star Wars!
Das scheinbar Unmögliche war gelungen; ich fühlte mich großartig, denn ich
hatte es geschafft!
Ich sah, dass mein Höhemesser 3.000 Fuß (900 M) zeigte, öffnete, flog gut
hundert Meter zurück und landete gleichzeitig mit meinen Teamgenossen Mitten
zwischen den Star Wars-Gebäuden: „Henk, sowas gibt’s einfach nicht, von woher kommst du denn?“ „Henk,
congratulations, what did you do, have you got crazy? We
never expected to see you ever
again!“ Die Begrüßungen und das Gelächter meiner Teamgenossen waren stürmischer
als sonst und ich musste ihnen versprechen meinen wunderbaren Sprung über der
unendlichen Wüste - insgesamt den 880ste – aufzuschreiben.