Was
schiefgehen kann, wird schiefgehen.
Zusammenfassung
des Unfallberichtes der USPA 2001 von Paul Sitter
Mit
35 tödlich Verunglückten Springern hält der Aufwärtstrend weiter an; 1999 gab
es 25 Tote, 2000 waren es 32. Der Durchschnitt der 80er Jahre lag bei 29
Todesfällen pro Jahr und stieg in den 90ern auf 33. Im Vergleich dazu hat sich
die Anzahl der USPA-Mitglieder mehr als verdoppelt. Und wären nicht in den
letzten 10 Jahren die High Speed Kappen so in Mode gekommen, dann wiese die
Unfallstatistik das moderne Fallschirmspringen als eine der sichersten
Sportarten überhaupt aus. Mehr als ein Drittel der tödlich Verunfallten des
letzen Jahres (12; d.h. 34%) starben unter tragenden Kappen bei der Landung.
Der
Reihe nach: wie jedes Jahr wurden die Unfallursachen in Kategorien eingeteilt,
um Trends besser analysieren zu können. In jeder Kategorie werden die Unfälle
analysiert und im Anschluß Vermeidungsstrategien vorgeschlagen.
1. No pull/low pull ( 5 - 14% )
2. Malfunctions ( 7 - 20% )
3. Reserve Problems ( 6 - 17% )
4. Collisions ( 3 - 9% )
5. Landing Problems ( 12 - 34% )
1. No pull/low pull ( 5 – 14%)
Eine
Situation, die immer wiederkehrt, seit es diesen Sport gibt: Ein Springer
findet das Handdeploy nicht und sucht danach, bis es für die Reserve zu spät
ist. Eine Variante dieser Unfallursache ist der unstabile Springer, der sich so
lange bemüht, wieder stabil zu werden, bis die Zeit abgelaufen ist. 3 der 5
Toten in dieser Kategorie hatten genau dieses Problem. Alle drei waren Anfänger
( 9 – 28 Sprünge ). 2 hatten Öffnungsautomaten, von denen einer nicht korrekt
eingeschaltet gewesen sein dürfte, der andere hat zwar funktioniert, aber die
Reserve hat nicht richtig geöffnet; entweder wurde sie zu tief aktiviert oder
kam in den Windschatten des möglicherweise bewusstlosen Springers zu liegen .
Der dritte hatte keinen Öffnungsautomaten und erst in etwa 50m gezogen; das ist
eindeutig zu spät. Zwei erfahrenere Springer ( 900, resp. 62 Sprünge ) fielen
ebenfalls in diese Kategorie. Ein Fall ist schlecht dokumentiert; es könnte
auch diesmal der Springer bewusstlos geworden sein, sodaß der
Reserve-Hilfsschirm im Windschatten des Körpers liegenblieb. Der andere hat
eine laut Zeugenaussagen gut tragende Hauptkappe in 160 bis 220 m Höhe
abgetrennt und dürfte, so wie der Körper gefunden wurde, noch versucht haben,
die Reserve zu ziehen. Ein Cutaway übt Energie auf ein Gurtzeug aus; das heißt,
dass der Reservegriff sich nicht am gewohnten Platz befinden muß! Ein RSL war
nicht installiert.
Vorbeugung:
Vor
der Einführung verlässlicher Öffnungsautomaten waren in dieser Kategorie bis zu
50% der jährlichen Todesfälle zu finden.
2.
Malfunctions ( 7 – 20% )
Statistisch
gesehen kommt es alle 300 bis 1000 Sprünge zu einer Fehlöffnung des
Hauptschirmes. In der Praxis muß man bei jedem Sprung mit einer Störung
rechnen. Umsomehr, wenn Gegenstände mitgeführt oder unübliche Manöver geplant
werden. Dies galt für fünf Fälle in dieser Kategorie. Überschneidungen mit
anderen Unfallursachen sind aber gerade in diesen Fällen, in denen es zu
Fehlöffnungen kommt, häufig. Die Zuordnung erfolgt dann, wenn eine adäquate
Reaktion auf eine Fehlöffnung aus welcher Ursache auch immer, den tödlichen
Ausgang verhindert hätte, aber nicht oder nicht rechtzeitig erfolgte.
Zu
spätes Reagieren gilt für 2 dieser Fälle. Im ersten Fall hat ein Springer bei
seinem ersten Skysurf-Sprung zu tief geöffnet und eine High Speed Störung am
Hauptschirm. Brett abwerfen, Hauptschirm trennen, Reserve ziehen dauerte
zusammen zu lang. Der andere öffnete ebenfalls zu tief ( unter 700m) unter
einer schnell drehenden Hauptkappe. Er trennte zwischen 120 und 100m und zog
seine Reserve, die jedoch vor dem Aufprall nicht mehr völlig öffnete. In beiden
Fällen hätte ein RSL zumindest die Öffnungssequenz der Reserve verkürzt.
Nächster
Fall: Head down mit Tube in der linken Hand; Verwicklung mit dem Hauptschirm
bei der Öffnung; daraus folgt eine steil drehende Störung. Der Springer
versucht, das Problem zu lösen und zieht in 180m Höhe die Reserve dazu (zum
Abtrennen bereits zu tief). Es kommt zum Downplane beider Schirme, der Springer
stirbt beim Aufschlag.
4.
Ein dafür eher unerfahrener Springer (300 Sprünge) dürfte mit ausgeborgter
Birdman Kombi und fremdem Gear eine unstabile Head down Öffnung gehabt haben,
bei der sich der Hauptschirm mit seinen Beinen verwickelte. Offenbar konnte er
die daraus resultierende Drehung nicht
stoppen noch den Hauptschirm abtrennen, da die Kombi das Cutaway Handle
behinderte. Er war zwar mit einem AAD ausgerüstet, hatte aber kein Kappmesser
dabei.
5,6.
Zwei Videomänner hatten bei verschiedenen Unfällen Verwicklungen des
Hauptschirmes mit ihrer Videoausrüstung, konnten den Hauptschirm nicht
loswerden, zogen die Reserve dazu, die sich dann mit der Hauptkappe
verwickelte.
7.
Ein Schüler trennte von einer drehenden Störung erst in ca 100m ab, zu tief für
die Reserve.
Vorbeugung:
3.
Reserve Problems ( 6 – 17% ):
Reserveschirme
als letzte Chance werden so konstruiert, dass sie sehr verlässlich funktionieren,
sie sind aber nicht perfekt. Es gibt Situationen, in denen die Gefahr ihres
Versagens steigt: Springer machen Fehler, die Ausrüstung versagt, oder der
Springer hat keine andere Chance, als die Reserve unter schlechten Bedingungen
zu aktivieren.
4
Springer öffneten aus völlig unstabiler Körperposition ihre Reserven. In jedem
der Fälle verwickelte sich der Schirm mit Körperteilen oder mit der Ausrüstung
des Springers: der Newton Ring eines Kameramanns mit der Reserveaufziehleine,
der Öffnungsautomat eines Schülers feuerte in unstabiler Lage des Springers.
Zwei hatten harte, drehende Öffnungen ihrer Hauptschirme. Die Reserven öffneten
sofort nach dem Cutaway. In einem Fall war die Rundkappenreserve eingedreht und
konnte sich nicht ausreichend öffnen, im anderen kam es nach einer RSL-Öffnung
der Reserve zu einer Verwicklung mit Körperteilen des Springers.
5.
Eine Springerin hatte entweder eine High Speed Reserve oder eine extrem
langsame Öffnung ihres Hauptschirmes, sodaß sie noch in der Öffnungsphase durch
die Cypreshöhe fiel. Beide Schirme verwickelten sich; der Hauptschirm wurde
zwar abgetrennt, jedoch zu tief.
6.
Während eines Freefly Sprunges öffnete sich die Verpackung eines Hauptschirmes
mit daraus folgender Hufeisenstörung. Das Beste in dieser Situation wäre es
gewesen, das Handdeploy (BOC) zu ziehen. Möglicherweise war das aber am leeren
Container schwer zu finden. Der Springer zog die Reserve und danach das
Cutaway; falsche Reihenfolge! Die mit dem Hufeisen verwickelte Reserve öffnete
sich nur teilweise.
Vorbeugung:
Collisions
( 3 – 9% ):
Durchschnittlich
etwas über 4 Tote gab es in den letzten 10 Jahren in dieser Kategorie.
Freifallkollisionen resultieren aus zu geringem Überblick über den Luftraum um,
unter und über einem. Ein schlecht geplanter und schlecht ausgeführter Sprung
erhöht dieses Risiko. Schirmkollisionen passieren in der Öffnungsphase nach
schlechter Separation, verschärft eventuell durch nicht richtungsstabile
Schirmöffnungen. Während der Schirmfahrt und im Landeanflug ist es meist
mangelnder Überblick (Tunnelblick), uneinheitliche Landerichtungen, zusätzlich
die modernen, schnellen Schirme und Kurven in Bodennähe.
Ein
außergewöhnlicher Unfall ereignete sich 2001, als ein Springer als siebenter
bei einem Formationsflug das Flugzeug verließ und mit dem anderen Flieger der
Formation kollidierte. Dieser hätte das führende Flugzeug sein sollen, wurde
aber vom anderen im Endanflug überholt. Mangelnde Erfahrung der Piloten im
Formationsflug und die unterschiedlichen Eigenschaften der beiden Flugzeuge (
King Air und Twin Otter ) waren die Ursache dieses Unfalls.
2,
3. 2 Springer (200, resp. 500 Sprünge) waren zwischen 15 und 30m über Grund im
Endanflug, als einer der beiden eine S-Kurve zum Landeplatz flog. Die Kappen
berührten einander kurz, waren in dieser geringen Höhe aber nicht mehr stabilisierbar.
Vorbeugung:
Others
( 2 – 6% ):
Zwei
Todesfälle resultierten eindeutig aus
medizinischen Gründen. Beide landeten unter tragenden Schirmen, ein
Hauptschirm, eine AAD-geöffnete Reserve, nach Herzinfarkten.
Landing
Problems ( 12 – 34% ):
Vor
1993 gab es alle zwei Jahre einmal einen tödlichen Landeunfall, meistens durch
übersehene Stromleitungen oder Wasserlandungen. Das hat sich mit der
Entwicklung neuer Schirme grundlegend geändert. Die Performance wurde
revolutionär verbessert, damit aber auch die enthaltene Energie. Auch
Hochleistungsflieger landen so langsam wie möglich, um sowenig Energie wie
möglich in einen eventuellen Unfall mitzunehmen. Ein Landefehler bei 60 mph
wirkt sich weit weniger schwer aus als bei 210 mph. Je höher die
Geschwindigkeit, desto größer die Energie, desto dramatischer die Auswirkungen.
Manche Springer beschleunigen auch noch zusätzlich in der Landephase.
Ungeplanter Kontakt mit dem Boden kommt dann nicht wirklich gut.
Es
herrscht die Annahme vor, dass gute Ausbildung und Erfahrung einen Springer
sicherer machen; das ist nicht unbedingt richtig: die durchschnittliche
Sprungzahl in dieser Kategorie liegt bei 1367! Ein Springer hatte über 4700
Sprünge. Landeprobleme sind von sehr seltenen Ereignissen zu mit über einem
Drittel Haupttodesursache des Fallschirmsportes geworden.
6
der tödlich Verunglückten haben ganz einfach die letzte Kurve zur Landung
falsch eingeschätzt oder falsch ausgeführt. 1. Nach einer 45 Grad Kurve den
hinteren Riser nicht erwischt; 2. ein 90 Grad Turn etwas zu tief; 3. aus einer
Schrägkurve nicht herausgezogen; 4. nach einer Kappenformation in 60m
separiert, Front Riser Turn und dann nur eine Steuerleine fest im Griff, Flare
mit einer Bremse in den Boden; 5 & 6. bei Außenlandungen tiefe Turns
zwischen 14 und 20m; einer in ein Stadion, der andere mit einer Flagge.
7.
& 8. Zwei Springer trafen Gebäude. Ein Erstspringer fuhr rückwärts im
Landeanflug, blickte über die Schulter, um zu schauen, wo´s hingeht und leitete
dabei eine Drehung ein, die im Gebäude endete. Der andere traf ein Haus bei
einer unbeabsichtigten Außenlandung. Er drehte seine überladene Kappe zum
Höhenabbau in ein kleines Areal hinter einem Haus und schlug in der Drehung in
die Hauswand ein.
9.,
10., 11. Drei weitere trafen Hindernisse oder starben bei Landungen außerhalb
des Sprungplatzes. Einer versuchte nach schlechtem Absetzen zum Platz zurück zu
kommen; drehte dann doch zu tief über einem Hügel zur Landung ein und traf den
Hügelkamm. Ein weiterer machte eine 180 Grad Drehung in Höhe einer
Stromleitung, um dieser auszuweichen. Zwei weitere wurden bei einem
Kappenrelativsprung abgetrieben. Der erfahrenere der beiden hätte es zum Platz
zurück schaffen können, flog aber zum weniger Erfahrenen zurück, um ihn zur
Landung zu leiten. Beide landeten in einen gerade zufrierenden See. Der
Anfänger hatte einen Neoprenanzug an und überlebte. 12. Eine Teilnehmerin eines
Swoop Bewerbes kam in Turbulenzen in Bodennähe und schlug nahe dem Teich auf.
Zwischen dem Eintritt in die Turbulenz, die zu einem teilweise Kollabieren
ihrer Kappe führte, bis zum Aufschlag verging etwa eine Sekunde.
Vorbeugung:
General
Comments:
Ausbildung: 2001 sind in den USA zwei
AFF Schüler um´s Leben gekommen. Insgesamt schaut die Statistik trotzdem gut
aus: seit 1982 starben 9 AFF Schüler, verglichen mit 23 Tandem Passagieren und
64 Static Line Schülern. Der Erfolg des AFF Programmes basiert auf drei Säulen:
gründlich trainierte und vorbereitete Schüler, direkter Kontakt und Backup
durch den Lehrer vor, im und nach dem Sprung, sowie modernste Ausrüstung. Wenn
eine dieser Säulen fällt, fällt das gesamte Ausbildungsprogramm. Die wichtigste
allerdings ist die erste: der gut vorbereitete Schüler.
Öffnungsautomaten: Sie gehören immer mehr zur
Grundausstattung im Fallschirmsport. Damit hat sich aber auch die Einstellung
geändert: Lehrer bilden eher fragwürdige Schüler weiter aus, weil sie ja eh mit
einem Cypres ausgerüstet sind, erfahrenere Springer machen sich weniger
Gedanken über Separation und Öffnungshöhe, weil ja eh das Cypres da ist; es
macht sich eine gewisse Lässigkeit breit. Jedes AAD ist nur ein Backup für den
Notfall, es kann versagen, es kann falsch eingebaut sein, die Batterie kann
zusammenbrechen, vielleicht ist es nicht eingeschaltet, etc. Letztendlich ist
jeder Springer für seine Verhalten in der Luft eigenverantwortlich.
Statistik: das Durchschnittsalter
der tödlich Verunglückten 2001 betrug 39 Jahre mit 873 Sprüngen (Median: 450
Sprünge), 65 Monate im Fallschirmsport (Median 48 Monate). 80 % Männer; die
meisten Unfälle bei/nach Formationssprüngen.
Erfahrung: Das Erfahrungslevel der
Verunfallten hat sich im Lauf der Jahre verschoben. Früher war ein Drittel der
Toten Schüler, ein weiteres Drittel Anfänger (unter D-License) und nur ein
schwacher Rest erfahrene Springer (kaum je einer mit über 1000 Sprüngen). 2001
waren mehr als 30% der tödlich Verunglückten erfahrene Springer; 9 der 12 bei
Landungen Gestorbenen hatten mehr als 200 Sprünge, 5 davon mehr als 1000 ( in
den anderen Kategorien finden sich 4 weitere >1000er).
Video: 2001 war ein schlechtes
Jahr für Freifallphotographen: 4 Tote mit Kameras am Kopf. Die Ausrüstung von
Kameraleuten darf keine vorstehenden Teile, an denen irgendetwas hängen bleiben
kann, aufweisen; der Helm muß mit einem Quick Release ausgestattet sein, das
auch unter Zug funktioniert. Das wird klar durch die drei Todesfälle, bei denen
es zu Verwicklungen mit der Kameraausrüstung kam, illustriert. Der Landeunfall zeigt
einen weiteren Gefahrenbereich auf: Videoleute haben oft ein eingeschränktes
Gesichtsfeld und/oder andere Probleme mit Hochleistungsschirmen.
Außergewöhnliche
Sprünge: Kappenformationen,
Außenlandungen (Demos), Sprünge mit Schülern, Skysurfer, Freefly mit Tubes,
Video, Birdman- Dives sind als nicht routinemäßig einzustufen und mit der
entsprechenden Sorgfalt zu planen und auszuführen.
Conclusion:
Murphy´s
Law lebt und beweist immer wieder seine Gültigkeit; um so mehr, je goscherter
man wird. „When in doubt, sit it out“ empfiehlt sich als Immunisierung gegen
potentiell tödliche Allüren, sehr vieles ist in diesem Sport machbar und
erlebbar; um all das unbeschadet zu überstehen, den eigenen Horizont zu
erweitern und großartige Erfahrungen mit Freunden zu teilen, wäre ein bisschen
mehr Demut angebracht.