Leer 2001

Familien-Boogie Leer 2001

Vom 12. bis zum 22. Juli füllte sich wieder einmal das sonst eher menschenleere Gelände des ostfriesischen Flugplatzes mit gutgelaunten, wetterharten Mitmenschen, die es schafften, den Zeltplatz bis in den entferntesten Winkel zu bevölkern. Das lag nicht nur an den 165 manifestierten Springern, sondern auch an den Freunden, Verwandten, Segelfliegern und Vereins-Absetzpiloten, die obwohl sie nicht selbst springen, die Atmosphäre dieses Boogies genießen wollten. Denn nirgends kann man so gut schnacken wie auf einem Flug-/Campingplatz, auf dem man sich von einer Sitzgruppe zur nächsten und bei Regen eben in den naheliegendsten Wohnwagen rettet, ohne zu wissen, wer da eigentlich wohnt. Dann lernt man sich eben jetzt kennen. (Hinweis für die Österreicher: das norddeutsche "schnacken" hat rein gar nichts mit eurem "schnackseln" zu tun, obwohl auch das in Leer das ein oder andere mal vorgekommen sein soll). Der jüngste Gast war gerade mal drei Wochen alt; das Gesichtsalter der Springer ging teilweise ins dreistellige. 

Die Windverhältnisse schienen einigen zu schaffen zu machen. Dabei ist es in Leer ganz einfach: es gibt nur Windstille oder Sturm. Letzteres kommt häufiger vor. Da dieser aber meist parallel zur Bahn steht, sollte das eigentlich kein Problem darstellen ... eigentlich. Die Landefläche wird von einem schmalen, unscheinbaren Wassergraben vom Zeltplatz abgetrennt. Selbst wenn man diesen nicht sehen kann, sollte einen doch die lange Aneinanderreihung von Wohnwagen stutzig machen, wenn man sich veranlasst fühlt, sich kurz vor der Landung aus der Windachse zu drehen und frontal auf die Seniorensitzgruppe vor eben diesen zuzusteuern. Während die "Senioren" sich entschließen unter den Tischen Zuflucht zu suchen, trifft den herannahenden Springer der Erkenntnisblitz, dass der Wohnwagen nicht ausweichen wird. Ein letzter Schlenker ... und schon liegt er der Länge nach im verschlammten Wassergraben, sodass nur noch der Container herausguckt. Während die "Geduckten" seine Kappe freundlich um das Wasser herumlenken, ertönen die ersten Blubberlaute und Gekeuche aus den Fluten. Obwohl der Unglückliche sein Flugverhalten seinem Restalkoholspiegel zuschrieb, beweist es doch, dass das Trottel-Gen auf dem Y-Chromosom liegt. Die "Seniorengruppe" möchte sich an dieser Stelle noch einmal dafür bedanken, dass er kein Geld für die Showeinlage verlangt hat.

Doch auch Pink-Pilot Dieter bewies mehrfach seine Treffsicherheit. Mit traumwandlerischer Genauigkeit setzte er die Springer im größten, grauen Koffer von Wolke ab, der an dem Tag in Niedersachsen zu finden war. Als die Springer bei 300 Metern aus der Wolke kamen, befanden sie sich nicht nur unmittelbar über dem bald genauso hohen Funkturm, sondern auch Aug in Aug mit der Pink. Und wie heißt es so schön: "Es gibt nichts schlimmeres als aus der Wolke herauszukommen und vor dir ist ein Österreicher!" Bei den obligatorischen Inselsprüngen auf Borkum und Juist kann man ja schon mal die Inseln verwechseln. Die Freigabe über Norderney wurde zum Glück von einigen Ortskundigen rechtszeitig bemerkt, die - wenn auch nur schwerlich - Dieter davon überzeugen konnten, dass Juist irgendwie anders aussieht.

Die Flensburger Springer strahlten wie Honigkuchenpferde, denn aus Österreich war ihre neue Absetzmaschine mit angereist. Die 206 soll die ungeliebte, enge 185er ablösen. Die Flensburger waren so begeistert, dass sie sogar auf Sprünge aus der Pink verzichteten, um ihren kleinen Schatz einzuweihen. Er wurde auch mit auf die Insel genommen. Beim Anlassen auf Juist stand der Schatz jedoch mit einem Kabelbrand in Flammen. Ein Umstand, der Thomas nicht aus der Ruhe bringen kann: "Ja, schaut'st mal da, die Maschine brennt". Sie wurde kurzerhand über den Propeller angeworfen und Jörgs Angebot, in die Pink umzusteigen, wurde von den immer noch strahlenden Flensburgern abgelehnt. Sie blieben bei Thomas, egal ob die Maschine nun brennt oder nicht. Kopfschüttelnd zog Jörg von dannen. Vielleicht aber nur deshalb, weil er selbst so gern aus der 206 gesprungen wäre.

Bambi Bendixen - wie Rehäuglein Jörg in Leer getauft wurde - offenbarte ohnehin ganz neue Seiten während des Boogies, wie zum Beispiel Kinderliebe. Nicht genug, dass er Lukas das Fahrrad reparierte, nein - er nahm sogar die kleine Lulu auf den Schoß, um sie zu trösten ... allerdings auch, um ihr gleich darauf einige Wörter beizubringen, die sich für gewöhnlich nicht im Repertoire einer Zweijährigen befinden. Bei der Samstags-Fete allerdings war er etwas zu geizig, denn die ließ zu wünschen übrig. Die Highlights bestanden leider nicht aus einem Buffet oder Live-Musik, sondern aus einer brennenden Magnesiumfackel auf dem Vorfeld, die mit dem Wasserstrahl eines Ochsen von Thomas ausgepinkelt wurde. Wer weiß, wie hell und kräftig diese Fackeln brennen, kann seine Leistung nur bewundern. Jedoch ist es verwunderlich, dass es bei seinem Alkoholgehalt nicht zu einer Explosion gekommen ist. 

Auch andere waren vom Freibier etwas mitgenommen, sodass selbst der eigene Wohnwagen zum unüberwindlichen Gefängnis wurde. Armin tastete sich auf der Suche nach der Tür an Schrankwand und Herd entlang bis seine WG-Partnerin Marion aufwachte. Auf die Frage: "Ist alles in Ordnung?" antwortete er mit ungewöhnlicher Höflichkeit: "Aber sicher doch, ist hier bitte irgendwo ein Ausgang?"

Ina und Kompanion in lila Tops, die den Spitznamen "Leerwatch" zur Folge hatten, sorgten unermüdlich für Bratwurst und Hot Dogs (mit Brötchen aus Nüttermoor für 4,80 DM), die Kinder fanden einen großen und einen kleinen "Huaaahh" zum Spielen (das ist übrigens ein Hügel, den man mit lautem "huaaahh"-Geschrei herunterlaufen kann); Niklas entdeckte sogar Hackfleischsträucher und Einsteins Stängelchen hielt dieses Jahr allen Beanspruchungen stand und brach nicht. In 110 Loads gab es zwei Tandemreserven und eine Schülerin fand sich zwischen einer Herde Kühe wieder, deren zunehmendes Interesse sich positiv auf die Laufgeschwindigkeit der Springerin auswirkte. Fazit: Ein Trip nach Leer lohnt sich immer, sei es für große Formationen mit Bärchen, für Inselsprünge, für Schlecht-Wetter-Ausflüge nach Holland oder einfach nur zum schnacken/schnackseln.

Deike


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