Mit der PINK Skyvan zur russischen Raumstation/Dez

MIT DER PINK SKYVAN ZUR RUSSISCHEN RAUMSTATION
Von (und mit) Rudi "Al" Albrecht

Mit der PINK Skyvan zur russischen Raumstation/Dezember 89

Diesen Artikel bin ich allen Springern schuldig, die beim PINK-Boogie im Waldviertel einige Zeit auf die PINK warten mußten, während wir das Flugzeug für Tests mißbrauchten. Ganz hinauf bis zur Raumstation MIR sind wir ja nicht geflogen, aber ein Stück immerhin: Zweck der Tests war es, ein medizinisches Gerät, das im Rahmen des österreichisch-russischen Raumfahrtprogramms entwickelt wird, in der Schwerelosigkeit zu testen. Und, daß man mit der PINK durchaus Schwerelosigkeit erzeugen kann, hat ja jeder Springer schon selbst miterlebt.

Aber zunächst einmal einige Schritte zurück: wie kam es dazu? Es begann damit, daß eine Arbeitsgruppe von Medizinern der Universität in Wien ein Ergometer entwickelte, das wesentlich besser arbeitet als das gute alte Fahrradergometer. Die meisten kennen ja dieses Ergometer, entweder als Trainingsgerät oder von sportärztlichen Untersuchungen.

Was aber immer noch störte, war die Tatsache, daß die Messungen regelmäßig durch die kinetische Energie ("Schwungnehmen") verfälscht wurden; und auch andere Gründe, aber das würde hier zu weit führen. Wenn es jemanden interessiert, bin ich gerne bereit über einem Bier länger darüber zu reden.

Jedenfalls fanden wir einen Ausweg: in die Schwerelosigkeit damit, auf die russische Raumstation. Auch die Russen wollten das, immerhin wollen die ja auf den Mars fliegen und da braucht man schon ein gutes Ergometer, um die zur Vorbereitung nötigen Langzeituntersuchungen durchzuführen.

Meine Rolle in der ganzen Angelegenheit ist eine mehrfache: erstens hatte ich die Idee das Ergometerexperiment den Russen vorzuschlagen; zweitens fungiere ich für die Mediziner als Berater für Weltraumtechnologie (das mache ich auch hauptberuflich und zwar für die Europäische Weltraumbehörde ESA, allerdings nicht auf dem Gebiet der Medizin, sondern auf dem Gebiet der Astrophysik) und drittens bin ich die Testperson, von den Medizinern als "Proband" bezeichnet, von Thomas als "Wegwerfkosmonaut".

Wie kamen wir auf die PINK ? Wie gesagt, es existiert bereits ein Prototyp dieses Superergometers, allerdings ist es mit über 200 kg wesentlich zu schwer für die Raumstation. Wir mußten daher eine abgespeckte Version entwickeln, die hat jetzt nur noch 29 kg, aber einen wesentlichen Nachteil: bei 1 g Gravitation (normale Erdschwere) kann man damit nicht arbeiten. Ein wesentlicher Gesichtspunkt der Umkonstruktion war nämlich die Annahme, daß der Proband über dem Gerät schwebt und aus dieser Position das Gerät bedienen kann. Die Russen schauten sich das an und sagten: "Klingt gut. Und wie wollt ihr das testen ?". Es wäre zugegebenermaßen peinlich, erst auf der Raumstation herauszufinden, daß fundamentale Annahmen unrichtig sind.

Das hieß also, daß wir irgendwo eine Schwerelosigkeit auftreiben mußten. Zu diesem Zweck haben Leute wie die NASA ein spezielles Flugzeug, das Parabelbahnen fliegt und auf diese Weise bis zu 30 Sekunden Schwerelosigkeit erzeugen kann. Das Prinzip ist folgendes: der Pilot versucht der Bahn eines imaginären geworfenen und frei fallenden Steines nachzufliegen.

Der Unterschied zum "Freifall" des Fallschirmspringers besteht darin, daß der Springer aufgrund des Luftwiderstandes irgendwann Erdgeschwindigkeit erreicht, während ein tatsächlicher Freifall im Vakuum stattfindet, wobei die Geschwindigkeit dauernd zunimmt und zwar mit dem Quadrat der Zeitdauer. Wenn man das mit einem Flugzeug simuliert, erreicht man in verhältnismäßig kurzer Zeit die Grenze der strukturellen Belastbarkeit (red line speed). Vor Erreichen dieser Grenze muß das Flugzeug abgefangen werden und die Schwerelosigkeit geht abrupt in 2 - 3 g Bremsverzögerung über. Es ist ratsam, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu schweben.

Da ich in der Skyvan schon Schwerelosigkeit erlebt hatte, war es naheliegend, die Tests in der PINK durchzuführen. Wir sind ja alle schon mal dabeigewesen, wie beim Abgang von großen Gruppen in rascher Folge Schwerkraftwerte zwischen plus 3 und minus 2 g auftraten. Die Löcher in der Deckenverkleidung von etwa Kopfgröße zeugen von der Widerstandsfähigkeit der Springer.

Die Frage war nur: konnte man das auch besser kontrollieren ? Und wie lange konnte man die Schwerelosigkeit wirken lassen ?

Für Thomas war das natürlich eine fliegerische Herausforderung. Weniger das Finden der richtigen Parabelbahn, das ist an sich kein so großes Problem. Wichtiger war es, ein Verfahren zu entwickeln, das trotz Schwerelosigkeit die Versorgung der Triebwerke mit Öl und Sprit ermöglichte. Erste Tests in Trieben (Weihnachtsboogie 1988) ergaben Perioden der Schwerelosigkeit zwischen 12 und 17 Sekunden. Kürzer als im NASA-Flugzeug, aber lang genug für unsere Zwecke - und vor allem wesentlich billiger.

Um die Schwerelosigkeit optimal auszunützen, war es wichtig, eine geeignete Testprozedur zu entwickeln. Das taten wir in der Schwimmanlage des Sportzentrums der Universität Wien, wo wir das Testgerät in ca.5 Meter Wassertiefe montierten. Ein Taucher kann durch geeignete Wahl von Ballast auftriebsneutral werden und auf diese Weise "schweben", also tatsächlich die vorgesehene Position über dem Testgerät einnehmen.

Repräsentativ ist das nicht. Erstens weiß man immer noch genau, wo oben und unten ist (das Gleichgewichtsorgan im Innenohr ist ja auch im Wasser nicht schwerelos) und zweitens kann man im Wasser schwimmen und in der Luft nicht. Auf jeden Fall konnten wir aber eine gute Testprozedur entwickeln. Auch stellten wir fest, daß die Sache äußerst anstrengend und kalt war (in der Skyvan war es dann im Gegensatz dazu heiß, aber immer noch äußerst anstrengend).

Erstmals flogen wir die Tests zwei Tage vor dem Boogie in Seitenstetten. Da wir einen freundlichen Sponsor gefunden hatten (Intersport Österreich), wurden auch Reporter und Fernsehleute mitgenommen. Das Ergometer wurde in der PINK installiert  und ich wurde mit zahllosen Elektroden beklebt und mit einem Magnetaufzeichnungsgerät versehen. Die Mediziner wollten herausfinden, ob und wann die Grenze der Leistungsfähigkeit erreicht wird und was danach passiert.

Zwischen 4000 und 2500 Meter Höhe flog dann Thomas seine Parabeln, während ich hinten im Flugzeug versuchte möglichst frühzeitig innerhalb der ca.15 Sekunden dauernden Periode der Schwerelosigkeit über das Gerät zu kommen, dann möglichst lange oben zu bleiben, aber rechtzeitig vor dem Abfangen des Flugzeugs und der damit verbundenen 2 bis 3 g Andruck wieder herunterzukommen.

Nach anfänglichen Koordinationsschwierigkeiten ging es dann mit Hilfe unseres Hochtechnologie-g-Meßgerätes (Gummiball an Gummischnur) recht gut. Obwohl wir alles nicht Niet- und Nagelfeste aus der Maschine entfernt und alles Hängende niedergeklebt hatten, war es doch verblüffend, was da so alles plötzlich im Flugzeug schwebte - sogar ein Schuh (!) kam plötzlich dahergesegelt.

Anstatt den Testablauf zu dokumentieren hatten die Kameraleute nichts Besseres zu tun, als alle möglichen Gegenstände durch das Flugzeug schweben zu lassen. Jedenfalls taten sie das, solange ihnen noch nicht schlecht war. Einer der Leute entwickelte eine ausgewachsene Höhenkrankheit, komplett mit grüner Farbe, Hyperventilation und Gelenkschmerzen.

Aufgrund der Ergebnisse der ersten Tests fand dann im Waldviertel der zweite Durchgang statt. Diesmal war auch der Konstrukteur des Gerätes mit dabei, um sich persönlich zu überzeugen. Wieder beklebten mich die Mediziner mit Elektroden, sehr guter Klebstoff diesmal, beim ersten Test hatten sich die meisten Kabeln durch die mechanische Beanspruchung und den ätzenden Schweiß gelöst.

Noch einen dritten Testdurchgang flogen wir im August in Graz. Das russische Projektteam war nach Österreich gekommen und wir benützten die Gelegenheit, den Russen unser Gerät und unsere Testmethoden zu demonstrieren. Was sie dabei am meisten beeindruckte, war aber nicht das Ergometer (das natürlich auch), aber vor allem die Skyvan: noch nie hatten die Russen eine rosarote Maschine gesehen. Vollends verblüfft waren sie dann, als ich ihnen von den PINK-Boogies in ganz Europa erzählte. Nach den Tests erhielten wir russiche Ehrenzeichen, ich bin jetzt Träger der Gagarin-Medaille in Aluminium und Thomas erhielt einen Orden für fliegerische Leistungen.

Trotz einiger spektakulärer Höhepunkte, wie zum Beispiel dem Absturz eines frei schwebenden Kamerateams von der Decke der Skyvan, verliefen die Tests zufriedenstellend und brachten die erwarteten Meßergebnisse. Auch die Verletzungen hielten sich in Grenzen und beschränkten sich auf Kratzer und blaue Flecken.

Nochmals will ich an dieser Stelle auf unseren Hauptsponsor Intersport hinweisen. Auch einige andere Firmen und Organisationen stellten Geld und Sachleistungen zur Verfügung (Tageszeitung "Kurier", Fa.BP, Fa.Bumba Space Products, Fa.FDP Data Processing). Gedankt werden soll auch den Springern (Herbert Pastner, Edi "Dou Dou" Meisel, Heinz "Ritz" Wolfrum, Hans Huber, Skip Kniley, Benny Zeiner), welche die Tests in verschiedenster Weise unterstützten, sei es koordinierend, auf Medienleute aufpassend, als Kameraleute oder durch die Entfernung von Erbrochenem aus der Skyvan. Die Piloten Thomas Lewetz und Dieter Malina flogen perfekte Parabeln und sorgten für den fliegerisch sicheren Ablauf der Tests.

Ich weiß nicht, ob es uns gelingen wird, aber ich bin ziemlich sicher, daß sich auf dem letztlich in der Raumstation MIR zum Einsatz kommenden Ergometer ein IPPC-Aufkleber befinden wird.


Springen aus der Pink Skyvan * Tandemspringen und Fallschirmausbildung * Ballonfahren * Skystunts.com * e-mail an office@pink.at

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