CYPRES - EIN JAHR DANACH !
Cypres - ein Jahr danach/Artikel aus PN 24/Juli 92
Um das kleine Ding mit der intelligenten Technik ist es merklich ruhiger geworden. Beanspruchte noch vor wenigen Monaten eben dieses gleich mehrere Seiten in der einschlägigen Fachpresse, so liest man heute nur noch wenige Zeilen über das, was aus Cypres geworden ist und über das, was daraus hätte werden sollen. Und auch die Stimmen der Euphoriker sind leiser geworden, zu all dem pompösen Geschrei über Sinn und Unsinn dieser Kreation läßt man sich eben nur noch selten oder gar nicht hinreißen. Die Entscheidung, ob Einbau "ja" oder "nein", trifft jeder Springer für sich alleine, und hausieren gehen mit dem kleinen Ding wollen nur die wenigsten noch.
Dabei hatte doch alles so vielversprechend begonnen! Die Szeneasten des Cypres-Stückes stießen selbst bei jenen Springern auf offene Ohren und Augen, die ansonsten jede Form von automatischer Auslösung kategorisch - und zum Teil mit dem Hinweis auf ihr springerisches Selbstverständnis - demonstrativ ablehnten. Eine Diskussion entbrannte, die für meine Begriffe recht anspruchsvoll geführt wurde. Meinungen wurden kundgetan, präzisiert und auch recht originell vorgetragen, doch völlig sich dieser kleinen Raffinesse verschließen konnte eigentlich keiner, dafür war die Art und Weise, wie Cypres präsentiert wurde, zu nüchtern und an technischen Sachverhalten orientiert.
Einige wenige konnten es sich dennoch nicht verkneifen, den Faden, den man ihnen reichte, aufzunehmen und nach ihrer Weise weiterzuspinnen, indem sie Cypres als Endpunkt einer Entwicklung betrachteten und die Entscheidung, ob Einbau oder nicht, nicht dem Springer selbst - sondern der allmächtigen Gesetzgebung überlassen wollten. An diesem Punkt wurde die Diskussion schwierig, weil sie die Frage nach der Mündigkeit oder Unmündigkeit von uns Springern elementar berührte.
Daß Cypres in jedes Schülerrig gehört, darüber waren und sind sich glücklicherweise alle einig, trotz daß sich manchem Macher kleinerer Vereine wohl im Hinblick auf die nicht unerheblichen Kosten für Cypres sicherlich fast der Magen umdrehen dürfte. Am Ende aber müßte dieser bedauernswerte Mensch auch kapiert haben, daß die Springer von morgen in besonderer Weise der Protektion der in unserem Sport Verantwortlichen bedürfen und dies - im wahrsten Sinne des Wortes - um jeden Preis !
Im Blick aber auf die Verwendung von Cypres unter erfahrenen Springern gestaltete sich die Debatte - wie erwähnt - unlängst schwieriger. Beim Lesen all der vielen Briefe und Artikel über Cypres drängte sich mir am Ende der Eindruck auf, daß es hier nicht ausschließlich um die technische Qualität von Cypres ging, sondern vielmehr um die Klärung einer fast philosophischen Frage, nämlich inwieweit ein globaler Einsatz von Cypres etwas vom Anspruch unseres Sportes nimmt.
Bei der Beantwortung dieser sicherlich nicht leichten Frage spielte das eigene springerische Selbstverständnis eine Rolle und es fällt mir nicht allzu schwer, mir vorzustellen, was wohl in einem altgediegenen Springer vor sich gegangen sein mag, als man ihm nach vielleicht 2000 Sprüngen ohne AAD plötzlich per Gesetzgebung Cypres um den Hals hängen wollte, dies zumindest in Erwägung zog.
Unser sportliches Selbstverständnis ist eine Sache, die Unfallstatistiken sind eine andere, und eben diese sprechen eine klare und unmißverständliche Sprache. Denn viele der verunglückten Kameraden hätten für die Fortsetzung ihrer irdischen Existenz nicht mal eines Cypres bedurft, nein, ein einfacher Steven's Cutaway hätte da völlig ausgereicht. Cypres hätte ohne Zweifel das gleiche Ergebnis erzielt - und noch ein Stückchen mehr.
Vielleicht hat sich diese relativ simple Erkenntnis schon mehr gegenüber unserem springerischen Credo durchgesetzt, als gemeinhin angenommen wird, denn viele der eben doch sehr erfahrenen Springer sieht man heute vor jedem Sprung akribisch in die obere Verschlußkappe ihres Gurtzeuges greifen, um zu überprüfen, ob ihr Display auch das anzeigt, was es anzeigen soll. Und sitze ich später mit diesen Kameraden im Flugzeug, so meine ich ein wenig weniger einer ansonsten allgegenwärtigen Anspannung zu sehen, die selbst bei erfahrenen Springern immer noch zum Geschäft gehört.
Den Zugriff auf Cypres mag man sich seitens der Hersteller intensiver vorgestellt haben, Tatsache ist und bleibt aber ein recht massives Umdenken von uns Springern, was uns mehr und mehr wegzuführen scheint von einer fast fatalistischen Ergebenheit in die möglichen Konsequenzen unseres Sportes und hin zu einer für meine Begriffe neuen Art von Vernunftdenken, das sich primär an dem naturbedingten Wunsch zu überleben orientiert.
Doch auch Cypres ist Technik und als solche ebenso fehlbar wie der Mensch, will sagen, daß es auch künftig Rückschläge mit Cypres geben wird und schon gegeben hat, die aber sicherlich in keinem Verhältnis zu dem stehen, was dieses kleine Gerät zu leisten imstande ist und wieviel auch gedanklicher Arbeit darin investiert wurde.
Vielleicht ist es daher nicht übertrieben zu sagen, daß unser Sport anderen Zeiten
entgegengeht. Aber diese anderen Zeiten setzen auch ein anderes Denken voraus und vor
allem ein Begreifen der Notwendigkeit von Cypres als sinnvolle Ergänzung für jedes
Gurtzeug. Ich denke, daß sich diese Erkenntnis vielfach durchsetzen wird und zwar ohne,
daß es da einer gesetzlichen Regelung bedarf.
Blue Sky - Uwe Klappert
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