10 Jahre Cypres

10 Jahre CYPRES.  ein Interview mit Helmut Cloth.

 

Helmut, wie viele Springerleben hast Du gerettet?

Währende der ersten vier Jahre mussten alle ausgelösten Geräte zu uns geschickt werden, um einen neuen Cutter montiert zu bekommen. So konnten wir bis März 1995 jede Aktivierung untersuchen, hinterfragen und analysieren.
1995 haben wir eine Steckverbindung eingeführt, die jedem Rigger die Möglichkeit gibt, einen abgefeuerten Cutter selbst zu ersetzen. Seitdem sind wir auf das Ausfüllen unserer Aktivierungsberichte, aus Informationen aus dem Feld, von den Betroffenen und von Riggern angewiesen. Naturgemäß kriegen wir damit nicht mehr alles mit, so daß unsere Zählung heute mit Unsicherheit behaftet ist. So gut wir das heute aus allen Informationen und rechnerisch herleiten können, liegt die Zahl zum Ende der Saison 2000 zwischen 750 und 1000.

Gratuliere! Aber aller Anfang ist schwer. Was war der Anstoß, über einen neuen Öffnungsautomaten nachzudenken?

1986 war ich Teilnehmer am Europarekord im Relativ. Beim vorletzten Rekordversuch verunglückte mein Freund Freddy Leising tödlich. Er hatte zu der Zeit mehr als 1000 Sprünge. Mit einem Pilote Chute in Tow fiel er bis zum Boden. Ein klassischer Unfallverlauf. Er hätte nur die Reserve ziehen brauchen und ihm wäre nichts passiert. Ein Öffungsautomat hätte diesen Unfall verhindert, aber er hatte, wie damals 99% aller Springer, keinen solchen Apparat. Obwohl es FXC 12000, Sentinel und Kap3 seit über zehn Jahren gab. Nach der Beerdigung begann ich darüber nachzugrübeln, ob es nicht möglich wäre, ein Gerät zu bauen, das die Akzeptanz der Springer träfe. Ich habe mich damals hingesetzt und versucht einen aus Springersicht idealen Öffnungsautomaten zu beschreiben. Das endete mit 13 Forderungen, die erfüllt werden sollten.

Wie lange von der ersten Idee bis zum ersten funktionierenden Prototyp?

Wir haben innerhalb von vier Jahren zwölf verschiedene Gerätetypen, sozusagen Gerätegenerationen gebaut, manche nur in Stückzahlen von drei oder fünf und manche in Auflagen von 70 oder 100 Stück. Die letzte Version, das Gerät, was dann auch später gebaut wurde, hatte im Spätsommer 1990 eine Auflage von 130 Stück.

Was hat das gekostet und wer hat das finanziert?

Bevor das erste verkaufbare Gerät gebaut wurde waren mehr als eine Million Mark ausgegeben. Finanziert wurde das von mir und der Volksbank Paderborn.

Wie viele Mitarbeiter hast Du jetzt und wie viele davon sind Springer?

In der Produktion, für den Kontakt zu den Systemherstellern, Sprungplätzen, Schulen, Riggern, Händlern, Behörden sowie in der leider nötigen Administration und Buchhaltung sind insgesamt etwa 40 Personen beschäftigt. Davon springen vier, allerdings haben wir zwischenzeitlich 12 zu einem 1-Sprung Kursus überreden können.

Wer hat das erste CYPRES gekauft?

Das erste CYPRES hat Fred Sailer aus Hamburg gekauft. Der stand am Morgen des 10. Januar 1991 mit seinem Rig bei uns vor der Tür und sagte:“Solch einen Apparat möchte ich gern in mein Gurtzeug eingebaut haben.“ Fred benutzt dieses CYPRES übrigens heute noch.
Der Zehnte Januar '91 war der erste Tag, an dem wir Geräte verkauft haben.

Wie viele Jahre hat es zum finanziellen Break Even gedauert?

Wenn Du das Wiedereinsammeln der 1,32 Millionen DM meinst, die vor Verkaufsstart ausgegeben waren, dann ist das natürlich schon seit einiger Zeit passiert.

Bist Du jetzt reich? Es sei Dir vergönnt!

Natürlich ist zwischenzeitlich etwas übrig geblieben. Allerdings hat sich die Firma und die damit verbundenen Kosten ebenfalls vergrößert. Da wir ein sehr sensibles Produkt herstellen, brauchen wir auch Rücklagen für Unvorhersehbarkeiten und um der von uns erwarteten Verantwortung gerecht werden zu können.

Wer oder was war die größte Hürde?

Im CYPRES sind eine Reihe für den Fallschirmsport völlig neuer Lösungen und Technologien verwendet. Zum Beispiel eine in Maschinensprache geschriebene Software, die vom ersten Tag an fehlerfrei arbeiten musste (man vergleiche neue Windowsversionen, die für viel Geld verkauft werden). Oder das redundante, vom Reservegriff unabhängige System, das CYPRES zum Öffnen der Reserve hat. Ein absolutes Novum. Oder ein neues Loop/Scheibensystem im Reservecontainer. Oder die Platzierung eines druckmessenden Gerätes innerhalb des Reservecontainers.
Ob die Zusammenballung von soviel Neuem trotz endloser Vertestung, in den vielen verschiedenen Rigs rund um den Erdball bei beliebigen Umwelt- und Handhabungssituationen immer und überall fehlerfrei arbeiten würde? Das war eine große Besorgnis.
Die größte Hürde allerdings ist etwas vordergründig triviales, etwas was bei flüchtigem Hingucken noch nicht einmal auffällt. Wir müssen nämlich Geräte bauen, die, wenn sie mal durch unsere Tür gegangen sind, niemals versagen. Egal ob in einem uralten Jaguargurtzeug beim Sprung über dem Nordpol, beim 12ten Sprung des Tages an heißen Sommertagen in Eloy oder nach dem Ausstieg aus einem Heißluftballon aus Rekordhöhe. Und davon nicht wöchentlich ein Stück im Labor, sondern täglich und in Serie. Aus dieser Notwendigkeit heraus, haben wir eine völlig neue Art und Weise entwickelt zu produzieren. Völlig unüblich. Eine Konsequenz daraus übrigens ist, daß es zwischen 16 und 42 Tage dauert ein CYPRES herzustellen.
Eine Anforderung, die seit dem ersten Tag der Produktion besteht und uns erhalten bleiben wird, solange wir CYPRESSE herstellen. Diese Verpflichtung nimmt die meiste Energie und kostet die meiste Zeit.

Es gab viele Kritiker und Gegner.

Natürlich gab es während der ersten Zeit viel Kritik.
Da wurde über ein ganzes Jahr hinweg in der Presse die Frage einer redundanten Anordnung aller wichtigen Komponenten oder des ganzen Gerätes diskutiert.
Über mehrere Jahre gab es die Diskussion, ob solche Geräte die mentale Einstellung der Springer zu negativ beeinflussen, indem es die Leute zu sorglos macht. Und ob nicht deshalb der Gebrauch mehr schädlich als nützlich wäre.
Ferner hat es sehr lange gedauert, bis die Springer gemerkt haben, daß ein Hand- oder Brusthöhenmesser mehr ein Schätzeisen als ein Präzisionsinstrument ist. Höhen wurden immer nach dem eingeschätzt, was man von deren Skala ablesen konnte. So entstand vielfach Kritik, CYPRES sei zu hoch oder zu tief gewesen. 
Die meisten dieser Themen sind jedoch nun ausdiskutiert.

Und der lächerlichste Einwand?

Kurz vor unserem Verkaufsstart '91 war ich auf Einladung des International Parachute Congress zum vierten Weltsicherheitskongress in Bisham Abbey in England und habe das CYPRES vorgestellt. 
Der Chef des damals marktbeherrschenden Öffnungsautomatenherstellers aus USA war auch da. Er kam zu mir und ließ sich das CYPRES im Detail erklären.
Danach verkündete er unter den Kongressteilnehmern seine Einschätzung so, daß das CYPRES nicht funktionieren wird, weil sein Luftdruckmesser innerhalb des Reservecontainers angebracht werden soll. Dort werde es den Luftdruck nicht wahrnehmen können, weil es abgeschirmt sei. 

Natürlich hat jedes System Fehler. Auch ich hatte eine Fehlauslösung kurz vor der Landung. Was ist Dir der unangenehmste Mangel des CYPRES? 

Der Umstand, daß sich Doppelöffnungen (Auslösung der Reserve durch CYPRES im 
Zusammenhang mit dem extrem tiefen Öffnen der Hauptkappe) sich nicht 100%ig vermeiden lassen. Es wäre wünschenswert, nach dem Einleiten der Hauptschirmöffnung eine Funktion des CYPRES vollständig zu sperren. Dies läßt sich aber auf keinem praktikablen Weg durchführen. 
Aber: Alle Dinge haben zwei Seiten.
Diese möglichen Doppelöffnungen, die mich extrem stören, haben andererseits über die Jahre hinweg dafür gesorgt, daß die Springer weltweit ihre Öffnungshöhen nach oben geschoben haben. Dieses wiederum reduziert Gefahren (Höhe ist Sicherheit) und hat damit einen maßgeblichen Sicherheitseffekt erzeugt.

Woran wird jetzt noch verbessert?

Wir lernen dauernd. Sich ändernden Umweltbedingungen, zum Beispiel, dem massenhaften Gebrauch von Handys müssen wir Rechnung tragen. Veränderungen des Sports, zum Beispiel der Trend zu Wingsuits und Speedskydiving stellen neue Herausforderungen dar. Neue Konstruktionen von Rigs (extrem schmale Bauformen, nie gekannte Packdrücke in 
Reservecontainern) erfordern Anpassungen usw.. Auch Qualitätsschwankungen von technischen Bauteilen, von denen die Teilehersteller regelmäßig behaupten, sie würden nicht existieren, erfordern Anpassungen und Änderungen.

Kann CYPRES gefährlich werden?

Das ganze Konzept ist so ausgelegt, daß dies nicht passieren sollte. 

Mit Deinem Wissen jetzt, was hättest Du in den ersten Jahren anders machen sollen?

Während der ersten Jahre wurde uns manchmal selbstherrliches Verhalten vorgeworfen. Es war manchmal sehr schwierig (siehe Kritik und Gegner) sich ohne Anzuecken Gehör zu verschaffen und die Funktion des Gerätes im täglichen Einsatz sicherzustellen. Dennoch hätten wir zu jener Zeit anders formulieren sollen.

Bist Du mit dem Ergebnis zufrieden?

Bis heute hat es noch keinen Fall gegeben, in dem ein ordnungsgemäß gewartetes und installiertes CYPRES bei Notwendigkeit seinem Benutzer nicht das Leben gerettet hätte. Deshalb bin ich vollständig zufrieden.

Was hat Dich in Deiner CYPRES-Karriere am meisten gefreut?

Vor zwei Jahren wurde mir von der Parachute Industry Association eine Auszeichnung für das CYPRES verliehen. Bei dieser Gelegenheit fragte der Lobredner in den Saal, wer von den Anwesenden eine Person kenne, die durch das CYPRES gerettet worden sei. Es waren circa 800 Menschen im Raum, darunter die Creme de la Creme des Fallschirmsports und der Fallschirmindustrie. Mehr als ein Viertel aller Leute meldeten sich. 
Das war toll.

Dein größter Wunsch als Fallschirmspringer?

Ich möchte einmal einen extremen Überlandflug machen.

Jede moderne Technik wird auch vom Militär genützt. Da ist ja wirklich gute Kohle zu machen. Und CYPRES?

Ursprünglich war es überhaupt nicht die Idee, irgend etwas mit dem Militär zu tun zu haben. Als wir von den Militärs angesprochen wurden, haben wir allerdings der Überlegung 
folgend, daß sich das CYPRES nicht als Waffe einsetzten läßt, auch an das Militär geliefert. Es ist aber nicht so, daß hier große Stückzahlen im Spiel sind, denn ein Öffnungsautomat wie das CYPRES ist für die „Kettenbären“ bei Militär nicht einsetzbar. Das heißt, es sind nur die Spezialeinheiten, die es gebrauchen und damit sind die Mengen überschaubar.

Wie viele CYPRES wurden bis jetzt gebaut?

60500.

Und von wievielen Springern wird es Deiner Schätzung nach benutzt?

Die Quote bei dem Weihnachtsboogie in Empuria im letzten Dezember lag bei 67 %.
Beim Minimeet in Höxter 1999 waren es über 90 %. 
Beim World Freefall Convention in Eloy hatten von 150 Springern, die zu einem Lift in die Boeing 727 kletterten 122, ein CYPRES. 
Es gibt aber auch Gegenden mit einer sehr hohen Benutzerdichte.
Luxemburg und Hong Kong zum Beispiel sind zu 100 % mit CYPRES ausgestattet.

Es gab viele Diskussionen darüber. Sollte man die CYPRES-Pflicht einführen? Man gefährdet sich ja nur selbst und nicht/kaum andere.

Ich habe einer Pflicht nie das Wort geredet. Allerdings gibt es schon seit vielen Jahren Sprungplätze (in Deutschland schon seit 1993), die für sich die Pflicht eingeführt haben. Auch sind einige nationale Verbände zur Zeit mit der Überlegung befasst, aus der bestehenden Teilpflicht für Tandems, Schüler, AFF Instruktoren und Freeflyer eine kategorische AAD Pflicht für alle zu machen. Objektiv gesehen könnte man solch eine Pflicht rechtfertigen, solange sichergestellt ist, daß durch den Einsatz dieser Geräte kein Dritter zu Schaden kommt und die Reduzierung der tödlichen Unfälle den finanziellen Beschaffungs- und Betriebsaufwand wert ist. Unseren Zahlen und Erfahrungen nach glauben wir sagen zu können, daß 1000 im Gebrauch befindliche CYPRES Geräte je Jahr zwischen ein und zwei Menschenleben retten. 
Um zu entscheiden ob man soll oder nicht soll, müsste man eine Güterabwägung vornehmen.

Die DM 2000,- die mein CYPRES gekostet hat, waren bis jetzt eine Fehlinvestition. Trotzdem, Danke für die Erfindung und das Gespräch.

Helmut Cloth
springt seit 1972
Sprünge gesamt: 1900
bevorzugte Disziplin: mittlerweile Jump for Fun


Springen aus der Pink Skyvan * Tandemspringen und Fallschirmausbildung * Ballonfahren * Skystunts.com * e-mail an office@pink.at

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